Lange Zeit hat sich niemand Gedanken darüber gemacht, welche Erfahrungen ein ungeborenes Kind während der Schwangerschaft wohl sammelt. Die kognitiven Fähigkeiten eines Neugeborenen galten als stark eingeschränkt und man war der Meinung, es sei bei seiner Geburt wie ein „unbeschriebenes Blatt“. Diese Annahme ging so weit, dass Früh- und Neugeborenen Schmerzempfinden aberkannt und diese zB bei operativen Eingriffen nicht ausreichend anästhesiert wurden [1]. Erkenntnisse aus der Forschung weisen jedoch darauf hin wie falsch diese Annahmen waren. Ein Neugeborenes sammelt während der Zeit im Bauch der Mutter beachtlich viele Eindrücke, einerseits durch die externe und interne Umwelt [2] und andererseits durch den mit der Mutter geteilten Blutkreislauf [3]. In der Fachliteratur wird dieser Prozess als „pränatale Programmierung“ bezeichnet.
Pränatale Entwicklung
Die Entwicklung des fetalen Nervensystems beginnt bereits sehr früh, nämlich im Embryonalstadium. Bereits in der 5. Schwangerschaftswoche sind die wichtigsten Strukturen des Gehirns sichtbar, wenngleich auch noch in einer sehr einfachen Form [4]. Zwischen der 25. und 29. Schwangerschaftswoche fängt der Fötus an zu hören und wird von Geräuschen seiner direkten Umgebung zB des mütterlichen Verdauungssystems, aber auch indirekt von „draußen“, beschallt [5]. Somit gewinnt ein Fetus bereits lange Zeit vor der Geburt einen Eindruck seiner externen Umwelt und als besonders eindrucksvoll wird die Stimme der Mutter beschrieben. Studienergebnisse weisen darauf hin, dass sich der fetale Herzschlag in Abhängigkeit davon verändert, ob dem Ungeborenen die Stimme der Mutter oder die Stimme einer fremden Frau vorgespielt wird [6, 7]. Diese Resultate demonstrieren die ersten Anzeichen pränatalen Lernens. Der Fetus lernt wie sich die Stimme der Mutter, im Gegensatz zu all den anderen auditiven Reizen dem es täglich ausgesetzt ist, anhört.
Gibt es ein perinatales Gedächtnis?
Wie erwähnt reagieren Babys bereits vor der Geburt speziell auf die Stimme ihrer Mutter und demonstrieren so die Fähigkeit zu lernen und zu erinnern. Eine andere Möglichkeit das Gedächtnis in diesem frühen Entwicklungsstadium zu untersuchen, ist dem ungeborenen Kind mehrmals über einige Wochen denselben auditiven Reiz (zB Musik oder einen Kinderreim) vorzuspielen. Nach der Geburt wird dem Neugeborenen derselbe Stimulus erneut präsentiert und nach Zeichen des Wiedererkennens gesucht. Diese kann man von Veränderungen der Nuckel-, Atem oder Herzfrequenz ableiten. In diesem Fall spricht man von einem „perinatalen Gedächtnis“ oder dem Gedächtnis „rund um die Geburt“. Hierzu gibt es einige Hinweise aus Studien, die sich auditiver Stimulation und der Messung kindlicher Reaktionen, wie Herzratenveränderungen, bedienten [2, 8].
Leider ist die Validität dieser Studien aufgrund kleiner Stichproben und fehlender Kontrollgruppen oft eingeschränkt. Hinzu kommt der Mangel an Studien, die zusätzlich die Gehirnaktivität der Neugeborenen während der erneuten Stimulation mit dem pränatal erlernten Reiz aufzeichnen.
Um diese Lücke zu schließen konzentrieren wir uns derzeit auf die Erforschung des perinatalen Gedächtnisses und erheben die Gehirnreaktionen von Neugeborenen auf bekanntes und unbekanntes Material.
Referenzen
[1] Rodkey, E. N., & Riddell, R. P. (2013). The infancy of infant pain research: the experimental origins of infant pain denial. The Journal of Pain, 14(4), 338-350.
[2] James, D.K. (2010). Fetal Learning: a Critical Review. Infant Behavior and Development, 19, 45-54. doi: 10.1002/icd.653.
[3] Jansson, T., & Powell, T. L. (2007). Role of the placenta in fetal programming: underlying mechanisms and potential interventional approaches. Clinical science, 113(1), 1-13.
[4] O’Rahilly, R., & Müller, F. (2008). Significant features in the early prenatal development of the human brain. Annals of Anatomy – Anatomischer Anzeiger, 190(2), 105–118. DOI: 10.1016/j.aanat.2008.01.001.
[5] Hall, J.W. (2000). Development of ear and hearing. Journal of Perinatology 20(8), 812-820.
[6] Kisilevsky, B., Hains, S., Lee, C., Xie, X., Huang, H., Ye, H., Zhang, K., & Wang, Z. (2003). Effects of experience on fetal voice recognition. Psychological Science, 14, 220–224.
[7] Kisilevsky, B., & Hains, M. (2011). Onset and maturation of fetal heart rate response to the mothers’ voice over late gestation. Development Science, 14(2), 214–223.
[8] Kisilevsky, B., & Hains, S. (2010). Exploring the relationship between fetal heart rate and cognition. Infant and Child Development, 19(1), 60–75. doi: 10.1002/icd.655.